Der Elefant im Klassenzimmer – Warum unserem Bildungssystem der Blick für das Wesentliche fehlt

Es sind Ferien, und ich besuche die Pop-up-Ausstellung über den berühmten Streetart-Künstler Banksy mit dem Titel „House of Banksy“. Um gut vorbereitet zu sein, höre ich auf dem Weg dorthin noch einen Podcast über ihn. Dort erfahre ich, dass Banksy kein Musterschüler gewesen ist, und ich denke mir: „Mal wieder ein genialer Kopf, für dessen Talent in der Schule kein Platz war.“

In der Ausstellung angekommen, dauert es nicht lange, bis ich vor dem großen roten Elefanten stehe. Er wurde mitten im Raum positioniert und erinnert an Banksys „Barely Legal“-Ausstellung von 2006 in L.A., deren Herzstück er damals war. Damals nicht aus Plastik, sondern ein echtes, 3,6 Tonnen schweres Tier, rot bemalt und mit einem Fleur-de-Lis-Muster überzogen. Er fungierte damals wie heute als Metapher für die große Armut von Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Damals wie heute ein ungelöstes Problem, über das nicht viel gesprochen wird. Ein Problem, das schwer wiegt, sich aber in den Köpfen der Menschen schnell in Luft auflösen kann.

Der fundamentale Widerspruch in der Schule heute

Auch in unseren Schulen steht ein riesiger Elefant im Raum, über den viel zu wenig gesprochen wird. Die Schule in ihrer heutigen Form leistet längst nicht mehr, was sie verspricht. Anstatt über grundlegende Veränderungen zu sprechen, streicht die Politik weiter nur an den Tapeten herum. Keine Frage, es gibt auch positive Entwicklungen, wie zum Beispiel die Einsicht, dass Kinder und Jugendliche mehr frühkindliche Förderung brauchen, besonders wenn sie aus bildungsfernen Haushalten stammen. Aber ich rede von dem, was da momentan unter dem Strich steht: ein fundamentaler Widerspruch.

Dieser Widerspruch zeigt sich in starren Anforderungen:

  • Kinder sollen einerseits individuell gefördert werden, andererseits müssen sie sich an normierten Prüfungenmessen lassen.
  • Lehrkräfte sollen kreativ und empathisch unterrichten, gleichzeitig müssen sie einem starren und überfüllten Lehrplan folgen, der kaum Luft zum Atmen lässt.

Bildung ist mehr als Wissensaneignung

Der riesige Elefant in unseren Schulen, den wir nicht sehen wollen, ist dieser: Bildung muss viel mehr sein als das bloße Aneignen von Wissen. Bildung ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe, zur Selbstbestimmung und zur Fähigkeit des kritischen Denkens. Wir müssen weniger vom Unterrichten sprechen und mehr vom Lernen. Solange Lernen nur als Vorbereitung auf eine stark druckbelastete Leistungsmessung am Ende gesehen wird, verlieren unsere Schüler:innen die Lust und Freude am Entdecken – jene Neugier, die der eigentliche Antrieb für echtes Lernen ist.

Wir brauchen den Mut, den Elefanten anzusehen

Was brauchen wir also? Wir brauchen den Mut, uns den Elefanten im Klassenzimmer näher und länger anzusehen. Das bedeutet konkret:

  1. Mut zur Ehrlichkeit: Wir müssen uns eingestehen, dass unser Bildungssystem, so wie es momentan funktioniert, eine Großzahl der Kinder abhängt.
  2. Mut zur Entnormierung: Wir dürfen nicht länger akzeptieren, dass Hausaufgaben, Tests und Noten mehr über die soziale Herkunft als über individuelle Fähigkeiten aussagen.
  3. Mut zur kritischen Digitalisierung: Die Technik nützt nichts, wenn die Inhalte von gestern bleiben und das Medienkonzept nicht mehr als das Austeilen von iPads umfasst.

Die Schule als Ort des gemeinsamen Lernens

Schulen müssen Orte sein, an denen Fragen von Schüler:innen wichtiger als Antworten sind. An denen Fehler erlaubt sind und Lernen als gemeinsamer, wertschätzender Prozess verstanden wird.

Solange wir all das ignorieren, weil sich Ausreden schneller finden lassen als erste Lösungsschritte, bleibt der Elefant in unseren Schulen stehen – schwer, unbeweglich und rot bemalt.