Ben. 14 Jahre alt. Psychisch am Ende. Systemfehler!
Ben, er ist 14 Jahre alt, mein Schüler. Seinen Kopf hat er auf seinen Unterarmen abgelegt. Er ist einmal wieder viel zu schwer. Ben wirkt abwesend, sein Blick ist leer, sein Körper kraftlos. Ben hat lange braune Haare, sein Pony fällt ihm ins Gesicht – gerade so lang, dass es noch zum Atmen reicht, aber auch nicht zu kurz für ein Versteck.
Oft ist Ben nicht in der Schule. Die längste Zeit des Schuljahres war er nicht anwesend.
Ich treffe mich mit Bens Mutter. Sie kommt allein. Bens Vater arbeitet viel. Bens Mutter wirkt atemlos. Die vielen Falten in ihrem Gesicht sind unübersehbar. Als ich sie begrüße, antwortet sie freundlich, aber mit fallender Stimme: „Herr Putzier.“ Ich biete ihr einen Platz und einen Kaffee an. Ich weiß, ein gutes Gespräch braucht immer zwei Stühle. Während sie sich erschöpft auf ihren Stuhl fallen lässt, versucht sie irgendwie, aus dem rechten Ärmel ihrer Jacke herauszukommen. Irgendwie ist sie gefangen.
Ein paar Stunden vorher: Ich fahre mit dem Rad in die Schule und gehe im Kopf den Tag durch. Ein langes Ausatmen – ziemlich viel wieder heute. Es ist Freitag, und ich bin die ganze Zeit noch nicht zum Sport gekommen. Mal wieder. Zu viel Arbeit.
Ich trete ins Lehrerzimmer ein und werde freundlich begrüßt. Dann stehe ich mit einem Kaffee in einer kleinen Kollegenrunde zusammen und erzähle, dass ich mich heute mit Bens Mutter treffe. Schnell sammeln sich die Kommentare: „Der arme Junge!“, „Also ich habe den Eindruck, dass sich niemand für ihn interessiert.“, „Ich würde ihm ja gerne helfen, aber ich bin dafür einfach nicht ausgebildet!“, „An so was scheitert Schule einfach!“, „Dafür bin ich nicht Lehrer geworden!“, „Wir können hier auch nicht alles auffangen!“. Relativ schnell treffen viele verschiedene Meinungen aufeinander. Ich nehme es mit in den Unterricht.
Ben! Ich sehe, wie viel Überwindung es ihn heute gekostet hat, in die Schule zu kommen. Aus Gesprächen mit Ben weiß ich, dass ihm oft die Kraft fehlt. Dass er sich oft fürchtet. Dass er oft traurig ist. Und dass er meistens nicht nur ein Gefühl spürt, sondern in einem Moment viele verschiedene, die alle auf ihn einströmen. Ben! Sein Unterarm – er hat sich wieder geritzt. Schnell denke ich, dass er das sein lassen muss. Ben würde mir sagen, dass er nicht anders weiß, mit all den vielen Gefühlen umzugehen, und dass es ihm nach dem Ritzen immer erstmal besser geht.
Ben ist einer von vielen, fast jeder vierte Heranwachsende in Deutschland gilt als psychisch auffällig. Die Ursachen können vielfältig sein: Pandemie-Nachwirkungen, Kriege, Einsamkeit. Die Symptome sind es auch: Bauchschmerzen, Abgeschlagenheit, große Müdigkeit, Isolation und und und.
Mein Blick, eben noch bei Ben, wandert durch die Reihen. Ich suche nach einem glücklichen Kind. Ich sehe ein paar Kinder lachen. Frida ist mit ihren Gedanken schon in der nächsten Stunde, sie schreiben eine Mathe-Arbeit. Ich höre sie sagen: „Ich werde das nicht schaffen. Ich kann das nicht.“ Während sie diesen Satz ausspricht, wirft sie einen verzweifelten Blick zu ihrer Freundin. Mia nimmt ihre Hand. Mein Blick wandert weiter. Er stoppt bei Micha. Micha sitzt ganz alleine da, er arbeitet vor sich hin, unterbricht immer wieder sein Arbeiten, rutscht unruhig hin und her. Er sucht die Aufmerksamkeit seiner Mitschüler und versucht immer wieder etwas Witziges zu sagen. Und dann noch Jule: Sie sitzt auch einfach so da, sie versucht nichts Witziges zu sagen. Sie will nicht auffallen, nicht angesprochen werden, sie will nur, dass dieser Schultag vorbei ist.
Um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen steht es schlecht, sehr schlecht.
Oft sitzen Eltern bei mir. Auch die Eltern von Frida, Mia, Micha, Jule. Oft höre ich den Satz: „Die Pubertät halt!“ Nein, es ist nicht allein die Pubertät. Es ist eine Kumulation von Missständen: die Nachwirkungen einer Pandemie, Klimawandel, Krieg, ein verändertes Wertesystem, Armut, erkrankte Eltern, Flucht, Mobbing, Gewalterfahrungen. Und während ich die Missstände aufzähle, macht sich in mir ein gewisses Gefühl der Ohnmacht bemerkbar. Und mir geht es gut. Und ich bin 44 Jahre alt.
Ben und seine Klassenkameraden, sie sind erst 14.
Zu den häufigen Verhaltensauffälligkeiten und Krankheiten, die von Ärzt:innen, Therapeut:innen und Psycholog:innen behandelt werden, zählen unter anderem Absentismus, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Angststörungen, traumatische Erfahrungen, Störungen des Sozialverhaltens, Depression und AD(H)S. Fast die Hälfte aller psychischen Erkrankungen beginnen vor dem 18. Lebensjahr.
Fakt ist: Unsere Schulen sind die Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche größtenteils aufhalten. Und wenn es nicht die Schulen sind, dann sind es die Vereine o.Ä., wo Kinder und Jugendliche die meiste Zeit ihres Tages wach verbringen. Deshalb zeigen sich psychische Belastungen hier zuerst. Und deshalb ist es wichtig, dass wir Lehrkräfte in der Lage sind, Anzeichen psychischer Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. Hierin zeigt sich einmal mehr, wie wichtig die Beziehungsarbeit in unseren Schulen geworden ist. Ohne Beziehung wird es nämlich schwierig, solche Anzeichen zu erkennen. Was wir aber nicht sind: Wir sind keine Psycholog:innen, keine Therapeut:innen, Ärzt:innen sind wir auch nicht. Im bundesweiten Schnitt kam 2022 eine Schulpsychologin auf 5439 Schüler:innen. Das ist zu wenig. Viel zu wenig. Wir sind ein Land mit vielen Privilegien. Wir müssen diese Privilegien nutzen, für eine ausreichende und flächendeckende Versorgung der Schulen mit Fachpersonal. Wir brauchen dringend multiprofessionelle Teams.
Nicht Ben ist der Systemfehler! Der Systemfehler ist die Tatsache, dass es diese multiprofessionellen Teams an unseren Schulen nicht gibt! Der Systemfehler ist die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft am Rande stehen, im Schatten!
*Alle hier genannten Personen sind rein fiktiv. Und doch beruht ihr Entwurf auf meinen realen Erfahrungen aus fast 20 Jahren Schultätigkeit.
Literatur
Puhl, Alix/Bürger, Dr. Arne (2025), Es braucht das ganze Dorf. zusammen für psychische Gesundheit an Schulen. Dein Praxisbuch zur Früherkennung von Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Schülerinnen und Schülern. Raabe Verlags-GmbH, Stuttgart.
Großekathöfer, Maik (2025), Deshalb geht es unseren Kindern und Jugendlichen seelisch nicht gut, in: Der Spiegel (Nr. 50), Generation Krise.
