Einstieg, Erarbeitung, Sicherung – weg damit!
Lehramtsanwärter:innen lernen bis heute, dass eine optimale Unterrichtsstunde in die Phasen Einstieg, Erarbeitung und Sicherung gegliedert sein muss. Doch ist es nicht längst an der Zeit, dieses alte Schema kritisch zu hinterfragen?
Wir sitzen am Schreibtisch und planen. Die Struktur gibt uns Sicherheit, weil sie uns so beigebracht wurde. Doch im Klassenzimmer trifft diese Theorie auf eine ganz andere Realität: Fast 30 Schüler:innen sitzen vor uns – mit individuellen Ansprüchen, Vorwissen, Verständnisfragen und unterschiedlichem Unterstützungsbedarf. Die starre Aufteilung in Einstieg, Erarbeitung und Sicherung wird dieser Komplexität kaum gerecht. Vielmehr ignoriert sie die Vielfalt im Raum und blockiert Wege zu individuellem, erfolgreichem Lernen. Aber welche Formate funktionieren stattdessen?
Sicher, es ist sinnvoll, die Lernenden zu Beginn für ein Thema zu motivieren – hier kann der klassische Einstieg durchaus seinen Platz haben. Doch danach sollten wir das Feld freigeben. Statt dass wir als Lehrkräfte Sozialformen vorgeben, entscheiden die Schüler:innen selbst: Allein, im Tandem oder in der Gruppe? So lernen sie, ein Gespür für den eigenen Lernprozess zu entwickeln. An einem Tag braucht das Kind Ruhe für die Einzelarbeit, am anderen Tag zieht es die Energie aus dem Austausch im Team. Die Wahrheit ist doch: Wir als Lehrkräfte können gar nicht wissen, was das Kind in diesem speziellen Moment gerade braucht. Der entscheidende Schritt ist, Lernräume zu öffnen, in denen die Lernenden genau das ausloten und gestalten können.
Genauso, wie die Vorgabe der Sozialform den Blick auf Unterricht verengt, geschieht dies in der Phase der „Erarbeitung“. Wir sollten den Schüler:innen deutlich mehr zutrauen, weniger selbst agieren und stattdessen die Rolle der Begleiter:innen einnehmen.
Was also sollten Lehramtanwärter:innen in den Seminaren heute lernen?
In den Seminaren sollte über Lernumgebungen gesprochen werden, die Zeit für echte Auseinandersetzungen bieten. Es sollte thematisiert werden, dass Lernen nicht aus festen Phasen besteht, sondern aus klaren Rahmenbedingungen wie Impulsen, Arbeitsphasen und Reflexionen, die vom Kind größtenteils selbst gesteuert werden. Ihnen sollte beigebracht werden, wie man differenzierte Materialien (gerne mit Hilfe von KI-Tools) für eigenverantwortliches Lernen erstellt. Wenn sie in die Schule kommen, sollten sie verstanden haben, dass Ausprobieren und Scheitern (und daraus Lernen) wichtiger ist als ein perfekt gesichertes Ergebnis am Ende der Stunde.
Und deshalb frage ich mich: Warum bringen die Studienseminare den angehenden Lehrkräften immer noch diese alten Denk- und Gestaltungsmuster bei? Sie gehören nicht mehr in diese Zeit. Bitte erfindet euch neu!
