Schule & Unterricht
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Haltung zeigen.
In der letzten Zeit klang es schon fast etwas abgedroschen, wenn in den sozialen Netzwerken mal wieder mehr Haltung oder eine veränderte Haltung gefordert wurde. Das Wort sei viel zu abstrakt, hieß es. Und da ist was dran. Wenn ich sage, dass eben diese veränderte Haltung eine der zentralen Säulen für eine neue Schule ist, muss ich den Begriff genauer bestimmen. Margret Rasfeld hat in einem Interview gesagt, dass wir Kinder und Jugendliche brauchen, die daran glauben, dass sie etwas verändern können, dass sie an der Gesellschaft partizipieren und dabei Selbstwirksamkeit erfahren. Für mich als Lehrkraft bedeutet Haltung zuallererst, daran zu glauben, Schüler:innen genau das ermöglichen zu können. Im nächsten Schritt ist es Teil meines Selbstverständnisses, sie genau dazu zu befähigen. Ich spreche also von meiner pädagogischen Haltung; entsprechende Schlagwörter sind hier Wertschätzung und Empathie.
In den letzten Jahren, besonders rund um politische Wahlen, tauchte auch das Wort „Neutralitätsgebot“ immer wieder auf. Teilweise herrschte bei Lehrkräften Unsicherheit, ob sie sich zu extremistischen Parteien äußern dürfen oder ob das schon ein Verstoß gegen dieses Gebot ist. Mittlerweile sollte klar sein: Ja, das dürfen wir. Nach dem Beutelsbacher Konsens müssen wir für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einstehen. Denn es ist unsere Aufgabe, die Demokratie zu schützen und uns eindeutig und klar gegen Rassismus, Verfassungswidrigkeit und Diskriminierung zu stellen. Auch das ist Teil unserer pädagogischen Haltung – wir nennen es Demokratiebildung.
Zu guter Letzt verstehe ich unter Haltung ein neues Rollenverständnis für uns Lehrkräfte: weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zur Lernbegleitung. Das bedeutet konkret: mehr Autonomie für die Schüler:innen, stärkere Projektorientierung und echte Potenzialentfaltung im Sinne der individuellen Förderung. Potenziale können aber nur dann individuell entfaltet werden, wenn ich als Lehrkraft dafür den Raum schaffe, in dem Scheitern nicht als Mangel verstanden wird, sondern als ein hilfreicher Lernschritt. Die Frage sollte nicht lauten, was kann jemand noch nicht, sondern wo will sie/er hin und wie kann ich dabei unterstützen.
Beziehung leben.
Hier gehts zum Beziehung-Selbstcheck!
Deine Reflexion
Fragen z. T. nach Jaekel (2022), Schulmanagement, sowie Hattie/Zierer (2018), Visible Learning für die Unterrichtspraxis · Umsetzung mit Claude (Anthropic) erstellt.
Dieser Selbstcheck ist ein Reflexionsimpuls, inspiriert von den genannten Quellen – kein wissenschaftlich validiertes Diagnoseinstrument.
Ohne eine gute Beziehungsarbeit kann Lernen nicht gelingen. Wenn wir die Herstellung eines optimalen Lernsettings ernst nehmen wollen, dann müssen wir also die Beziehungsarbeit vor den Bildungsplan stellen. Entscheidend für eine gute Beziehungsarbeit ist wieder die pädagogische Haltung. Hattie konnte in seiner Metastudie „Visible Learning: The Sequel“ (2023) für die Lehrkräfte-Schüler:innen-Beziehung eine Effektstärke von 0,72 nachweisen, womit sie zu den wirksamsten Effektoren für den Lernerfolg zählt.
Wie lässt sich die Beziehung aber positiv gestalten? Hier drei mögliche Ansätze:
- „Noch nicht“ anstatt von „nicht“ – Das geht auf Carol Dweck (2012) zurück. Die erste Aussage motiviert und kann zu einer Leistungssteigerung führen, wohingegen die zweite eine demotivierende und frustrierende Wirkung auf Schüler:innen hat. Ganz konkret geht es hier um Reframing, nämlich Fehler als eine Möglichkeit des Lernens zu sehen. Ich erinnere mich noch an eine Situation im Unterricht. Hier fragte ich am Ende des Unterrichts, ob die Schüler:innen wüssten, was der beste Moment in der Stunde gewesen sei. Es war eine Situation, in der eine Schülerin eine falsche Antwort lieferte. Damals habe ich zu ihr gesagt: „Das ist ein wunderbarer Moment. Denn genau hier beginnt das Lernen.“
- Begegne deinen Schüler:innen freundlich! Ich weiß, es gibt die Tage, da ist uns als Lehrkraft nicht zu lachen, auch wir sind Menschen und haben schlechte Tage, Stimmungen, Sorgen etc. Versteht mich nicht falsch, ein Lächeln sollte nicht aufgesetzt sein, es sollte echt und authentisch sein. Es ist okay, nicht zu lächeln. Es ist aber nicht okay, die eigene Gefühlslage zum Epizentrum des Klassenzimmers zu machen. Das wäre unprofessionell. Und an all den anderen Tagen kann ein Lächeln bei den Lernenden unglaublich viel bewirken, denn es löst im Optimalfall bei ihnen positive Gefühle hervor, die wiederum das Lernen begünstigen.
- Führe Rituale ein, z.B. eine bestimmte Begrüßung, einstudierte Abläufe wie das Stellen von Gruppentischen, Regen zur Pünktlichkeit und so weiter. Rituale geben Sicherheit und lassen das Gemeinschaftsgefühl wachsen. Beides wirkt sich positiv auf das Lernen aus. Hattie/Zierer weisen in ihrem Buch auch darauf hin, dass Lernende, die sich an Regeln und Rituale halten, positiv auf andere Lernende wirken. Umgekehrt können Störende andere Lernende zu Störern machen. Etablieren sie eine Kultur der Unpünktlichkeit, werden folglich mit der Zeit immer mehr Schüler:innen unpünktlich im Unterricht erscheinen. Die Formulierung von Regeln und Ritualen sollte mit den Schüler:innen gemeinsam erfolgen. Ungeeignete Vorschläge lassen sich im Plenum gemeinsam reflektieren.
Im Übrigen zeigen neuere Studien, dass eine gute Lehrkräfte-Schüler:innen-Beziehung auch messbar positiv auf die Lehrkraft selbst zurückwirkt. Kannst du hier nachlesen.
Schule entwickeln.
Für Kinder und Jugendliche muss sich der Boden, auf dem sie aufwachsen, wie Treibsand anfühlen. Es ist schwierig, einen sicheren Stand zu finden. Der Boden nimmt jede Sekunde eine andere Form an. Es ist schwierig, auf einem solchen Boden hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Alles ist in einem ständigen Wandel und das in einer rasenden Geschwindigkeit. Gewählt habe ich dieses Bild, da es uns nachempfinden lässt, wie sich viele Kinder und Jugendliche momentan fühlen. Aber das Bild trägt noch mehr in sich: Jemand, der auf echtem Treibsand in Panik gerät, wird noch tiefer sinken. Wer aber ruhig bleibt und sein Gewicht gleichmäßig zu verteilen versucht, geht nicht unter. Und genau darin sehe ich die Aufgabe, vor der Schule heute steht. Es geht nicht darum, den Boden zu verfestigen, das ist unmöglich, sondern Kindern und Jugendlichen beizubringen, wie sie sich auf ihm halten können.
Diese Welt wird auch gerne als BANI- und VUCA-Welt beschrieben. Es handelt sich dabei um Akronyme, die für das Unvorhersehbare und Komplexe in unserer Welt stehen. Die Akronyme lassen sich überall nachschlagen, warum ich hier nicht näher darauf eingehen werde. Wichtig scheint mir zu sein, welche Rolle Schule in dieser Welt einnimmt. Zweifelsohne steht Schule vor großen Herausforderungen, denn sie muss Kinder und Jugendliche befähigen, auf einem Treibsand Stabilität und Flexibilität zu finden. Keine einfache Aufgabe. Orientierung können hier die „die sechs Cs“ des kanadischen Erziehungswissenschaftlers Michael Fullan geben:
- Kritisches Denken (Critical Thinking)
- Kreativität (Creativity)
- Kollaboration (Collaboration)
- Kommunikation (Communication)
- Character (Character)
- Bürgersinn (Citizenship)
Im Detail sind „die sechs Cs“ hier nachlesbar.
Um diese Kompetenzen vermitteln zu können, muss sich unser Bildungssystem fundamental wandeln.
Die Lehrkraft ist nicht mehr nur Wissensvermittler, sondern eben auch Lernbegleiter. Wir brauchen in den Schulen begeisterte, leidenschaftliche Lehrkräfte, die ihr Handeln am Kind orientieren und ihre Lernsettings vom Kind her denken. Nicht zuletzt die Digitalisierung führt uns überzeugend vor Augen, dass sich die Rolle der Lehrkraft ändern muss. Hier bräuchte es aus meiner Sicht einen noch ehrlicheren Diskurs darüber, was die Lehrkraft nun eigentlich ist. Mir wird noch zu wenig gesehen, dass es nicht darum geht, ob die Lehrkraft noch Wissen vermitteln sollte (ja, sie muss!), sondern wie Wissensvermittlung in Zukunft gestaltet werden muss, von Lernenden und Lehrkräften.
Mit der erweiterten Rolle der Lehrkraft muss sich auch der Lernraum, die Lernarchitektur zwingend verändern. Eigentlich ist es mehr eine Bedingung. Wir brauchen keine frontale Ausrichtung mehr, wir brauchen flexible Lernräume, die unterschiedliche Lernangebote zur gleichen Zeit ermöglichen, und das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen fördern. Wenn die reine Wissensvermittlung durch eine Kompetenzvermittlung abgelöst wird, dann erfordert das auch tiefgreifende Veränderungen in der Prüfungskultur.
Nehmen wir dieses Paket, und ich habe hier noch nicht einmal alle erforderlichen Schritte berücksichtigt, dann wird eines sehr schnell deutlich: Wir brauchen nicht nur eine Bildungsreform, sondern eine Bildungsrevolution.
Eine solche Bildungsrevolution passiert aber nicht von allein, sie geht einher mit der Notwendigkeit einer ständigen Fort- und Weiterbildung. Auch das Referendariat muss sich zwingend neu erfinden.
Es braucht aber vor allem Bildungsentscheider:innen, die nicht nur daran interessiert sind, ein antiquiertes Schulsystem zu verwalten, einen ausbremsenden Bildungsföderalismus aufrechtzuerhalten und Empfehlungen auszusprechen, die danach versanden. Wir brauchen eine Bildungspolitik, die endlich bereit es, Geld in das System zu pumpen, um Veränderungen zu ermöglichen. Auch wenn Veränderungen im Kleinen möglich sind, darf die Neu-Erfindung des Bildungssystems nicht allein in der Verantwortung der Erzieher:innen und Lehrkräfte liegen. Vor einiger Zeit habe ich bei Insta vorgeschlagen, ein Sondervermögen für Schulsanierung einzurichten, dass sich aus einem sogenannten Bildungseuro nährt. Der Bund gründet einen zweckgebundenen Fond und deklariert die Schulsanierung zur nationalen Aufgabe. Er setzt fest, dass alle Mehrwertsteuereinnahmen aus Kraftstoffen, die über einem bestimmten Basiswert hinausgehen, zu 100 Prozent in diesen Fond wandern. Diese Idee erweitere ich nun: Wir brauchen ein Sondervermögen für die Bildung. Zuletzt habe ich das auch im Buch von Jan Vedder gelesen, der vorschlägt, dass sich ein Sondervermögen für Bildung am Finanzvolumen des Verteidigungshaushaltes orientieren sollte (vgl. Vedder (2026), Schule zwischen KI und Kreidestaub. Ein Leitfaden für Lernorte mit Zukunft, S. 209). Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Bildungspolitik versteht, dass die Zukunft unseres Landes nicht in der Finanzierung von Panzern, Drohnen und militärischen Abwehrsystemen liegt, sondern in der maximalen Förderung der Kinder und Jugendlichen.
Kommen wir nochmal auf das anfängliche Bild mit dem Treibsand zurück: Es wird so schnell keinen festen Boden geben, aber wenn wir Schule so transformieren, wie es „die sechs Cs“, eine neue Lernarchitektur und eine mutige Bildungspolitik verlangen, dann gehen unsere Kinder und Jugendlichen nicht unter, dann lernen sie zu schwimmen.
ICH MÖCHTE SCHULE NEU DENKEN - DU AUCH?
Gerne komme ich für Podcasts, Impulsvorträge, Workshops und Interviews zu deinem Bildungsevent bzw. in deine Bildungseinrichtung.
