Deutsches Bildungssystem: Eine Art Meerschweinchenzucht (aus dem Jahr 2008)

Deutsches Bildungssystem: Eine Art Meerschweinchenzucht
Ein Kommentar von Alexander Putzier

Der vergangene Mittwoch, 12.11.08, hätte Immanuel Kant sehr glücklich gemacht und kann unter dem Motto „Kleine ganz groß“ zusammengefasst werden. Mir kommt dieses Motto irgendwie vertraut vor, weshalb ich nach ihm google. Das Suchergebnis irritiert mich im ersten Augenblick, aber dennoch lässt es sich in den Kontext Schule und Bildung zweifelsohne einbetten: Meerschweinchenzucht.

Schüler und Meerschweinchen gehören biologisch gänzlich unterschiedlichen Arten an und dennoch verbinden sie gleich mehrere Gemeinsamkeiten: die überfüllten Klassenräume ähneln den zu engen Gehegen, die tägliche Abfütterung gleicht der Abfertigung der Schüler, das begrenzte Gehege ist identisch mit der von den Schülern erwarteten Anpassung an antiquierte Regelwerke und die Absage an die Ausbildung eines eigenen, gestärkten Willens – wer anderes behauptet, der lügt. Immanuel Kant wäre darüber sehr unglücklich gewesen und würde sicherlich die eine oder andere salzige Träne verlieren. Die Schüler resignieren aber nicht vor dem Hintergrund solcher schlechten Bildungsbedingungen, sondern sie machen sich gemeinsam stark, treten als eine kollektive Kraft auf. Ein Beweis dafür, dass die deutschen Schüler alles andere als dumm sind (auch wenn die PISA-Studie gerne das Gegenteil behauptet). In mehr als 30 Städten fanden sich insgesamt mehrere zehntausend Schüler zusammen, um gegen den Meerschweinchenzustand unseres Schulsystems zu streiken. Marianne Demmer, Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule und stellvertretende Vorsitzende, konstatierte: „Schülerinnen und Schüler brauchen – ebenso wie die Lehrkräfte – gute Schulen und gute Lebensbedingungen. Nur so können Bildungsprozesse gelingen.“ Das Bündnis „schulaction“ hatte zu diesem Streik aufgerufen. Die Schüler wussten sich darauf vorzubereiten und fertigten Transparente an, auf denen Schriftzüge zu lesen waren wie „Wir sind keine Versuchskaninchen“, „Bildungsblockaden einreißen“ u.v.a. Es ist allgemein bekannt, dass man Meerschweinchen gut zusammen mit Kaninchen halten kann. Aber was machen, wenn sie autonom und selbstbewusst auftreten und sich eben nicht kompatibel mit dem Ist-Zustand des Schulsystems zeigen? Die Schüler formulierten klar und deutlich ihre Forderungen: eine kostenlose Bildung, mehr qualifizierte Lehrer, kleinere Klassen, die Abschaffung des G8. Und sie streikten gegen die Abfertigung von Schülern und die starke Determination des Bildungsweges durch soziale Herkunft. „Schülerinnen und Schüler brauchen und wollen gute Schulen und gute Lernbedingungen. Mit ihren Aktivitäten machen sie der Öffentlichkeit klar, dass in Baden-Württemberg in vollen Klassenzimmern, mit Halbtagsunterricht oder in schlecht ausgestatteten Ganztagsschulen nicht gut gelernt werden kann“, so Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Bildungsministerien und manche Schulleitungen haben im Vorfeld des Streiks durch ihre Reaktion besonders an Glaubwürdigkeit verloren und die Berechtigung einer Schüler-Demonstration ex negativo deutlich gemacht: Während den Schülern im Unterricht immer wieder gepredigt wird, sie sollen zu selbstbewussten Menschen mit einem eigenen Willen erzogen werden, wobei gerne an den Aufklärer Immanuel Kant erinnert wird, versuchten sie den angekündigten Streik mittels der Androhung von Sanktionen im Falle des Fernbleibens vom Unterricht zu zerschlagen. Hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz, denn einen besseren Beleg für einen eigenen Willen als den gestrigen Streik kann es nicht geben.

Was am Ende bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Schülerinnen und Schüler Kant verstanden haben. Wie wird dem Guten nun zu Mute sein? Oh, armes deutsches Bildungssystem! Es ist an der Zeit, dass sich was dreht.

Mein Kommentar ist damals auf den Nachdenkseiten erschienen. Heute vertrete ich nicht mehr alles, was hier publiziert wird und sehe es kritisch. Aus diesem Grund veröffentliche ich den damaligen Beitrag über meinen Blog erneut.